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Pressemitteilung 15.08.03
Neues Gutachten von Economix:
Rezept gegen Lehrstellenmangel: Ausbildung in einfachen Berufen
- Das Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit untersucht die Potenziale für zusätzliche Lehrstellen in einfachen Berufen.
- Insgesamt wurden 33 Ausbildungsfelder für eine theoriereduzierte oder auf zwei Jahre verkürzte berufliche Ausbildung identifiziert.
- Damit können jährlich 7500 bis 22000 zusätzliche Lehrstellen geschaffen werden und die Quote der Ungelernten unter den Jugendlichen von derzeit 14 % um 1 bis 2,4 Prozentpunkte abgesenkt werden.
- Dies stellt einen wichtigen Beitrag zur Integration benachteiligter Jugendlicher dar.
Der Lehrstellenmangel trifft benachteiligte Jugendliche in besonderem Maße: 14% der Jugendlichen bleiben heute ohne berufliche Bildung und ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind angesichts des allgemeinen Mangels und der Konkurrenz um Lehrstellen sehr begrenzt. Ein Ansatzpunkt den Anteil der Ungelernten merklich zu senken wäre eine vereinfachte oder verkürzte Ausbildung, die den Möglichkeiten der benachteiligten Jugendlichen entgegenkommt und das Ausbildungsrisiko der Unternehmen begrenzt.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit hat Economix beauftragt, die Optionen für eine stärkere Beteiligung benachteiligter Jugendlicher an der beruflichen Bildung zu prüfen. Dies steht im Zusammenhang mit der im Jahr 2000 in Lissabon erklärten Absicht des EU-Ministerrats, den Anteil der Ungelernten unter den Jugendlichen innerhalb von zehn Jahren zu halbieren. Für die Untersuchung war die Frage im Vordergrund, ob eine theoriereduzierte oder verkürzte (zweijährige) Ausbildung für Jugendliche und Ausbildungsbetriebe eine Alternative darstellt, die sowohl die Beteiligung an der beruflichen Bildung verbessert, als auch den Jugendlichen einen dauerhaften Arbeitsplatz oder zumindest die Chance zum Einstieg in eine qualifizierte berufliche Tätigkeit bietet.
Dies sind die wichtigsten Schlussfolgerungen der Studie:
33 Berufsfelder: Ausbildungsmöglichkeiten in einfachen Berufen lassen sich in vielen Branchen und Tätigkeitsbereichen schaffen. Insgesamt schlägt die Studie 33 Berufsfelder für eine vereinfachte oder verkürzte Ausbildung vor. Dazu gehören Montageberufe (Elektro, Bauteile, Möbel), Recycling-, Reparatur- und Wartungsberufe, aber auch Berufe in den Dienstleistungsbereichen Betreuung und Pflege, Organisation, Freizeit und Logistik.
Zusätzliche Lehrstellen: Unter Berücksichtigung der langfristigen Beschäftigungschancen und der Konkurrenz zu anderen Ausbildungswegen können in diesen Ausbildungsfeldern jährlich 7500 bis 22000 zusätzliche Lehrstellen geschaffen werden. Die niedrigere Schätzung würde ausreichen, die Quote der Ungelernten um etwa 1 Prozentpunkt zu senken. Die höhere Schätzung würde zu einer Reduzierung um 2,4 Prozentpunkte führen.
Anhaltender Bedarf an einfachen Tätigkeiten: Der vielfach geäußerten Annahme, einfache Tätigkeiten würden in Zukunft keine Rolle mehr spielen ist zu widersprechen: Langfristprognosen zeigen, dass auch in zehn Jahren noch knapp ein Drittel der Arbeitsplätze für Hilfstätigkeiten oder einfache Fachtätigkeiten vorgesehen sein wird. Zwar wird der Arbeitsmarkt für einfache Berufe kontinuierlich schrumpfen aber er wird nicht verschwinden. Bei hohem Überangebot an einfachen Arbeitskräften wird es weiterhin Nachfrage geben.
Keine Erosion der Berufsbildung: Ebenso wenig ist zu befürchten, dass die Einführung einer vereinfachten oder verkürzten Ausbildung zu einer Erosion der 3jährigen Berufsbildung führen wird. Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze bei verkürzter Ausbildung (z.B. Verkäufer) blieb bereits in der Vergangenheit kleiner als die Zahl der nachfragenden Jugendlichen. Außerdem sind qualifizierte Arbeitskräfte für die Unternehmen zu wichtig als dass sie auf Ausbildung auf hohem Niveau verzichten würden.
Wichtiger Lösungsansatz: Die Einschätzung der Angebots- und Nachfragepotentiale für einfache Berufe kommt zu dem Ergebnis, dass eine theoriereduzierte und/oder verkürzte Ausbildung einen wichtigen Beitrag zur Senkung der Ungelerntenquote leisten kann. Unter günstigen Bedingungen dürfte damit die Mehrheit der praxisbegabten, lernbehinderten Jugendlichen einen Ausbildungsplatz in einfachen Berufen finden, unter ungünstigen Bedingungen sind hingegen ergänzende Maßnahmen notwendig.
Vielschichtige Ursachen: Die Analyse der Ursachen für Ausbildungsdefizite unter den Jugendlichen zeigt, dass es sich um vielschichtige Ursachen handelt, die im familiären Umfeld, in der Schul- und Ausbilungspädagogik und im individuellen Ausbildungsverhalten der Jugendlichen zu suchen sind. Die Politik steht damit vor einer heterogenen Problemgruppe und kann daher bildungs- und arbeitmarktpolitisch nicht nur auf eine Karte setzen.
Mehrschichtige Lösungen: Neben der vereinfachten oder verkürzten Ausbildung sind modulare Ausbildungswege für Jugendliche von Bedeutung, die zum einen helfen, die jugendlichen Lernkrisen besser zu überwinden, zum anderen aber auch dem raschen Wissensverfall besser gerecht werden. Flexible Einstiege und Wege durch das Ausbildungssystem erleichtern nicht nur die Anpassung an individuelle Krisen, sondern ermöglichen die Anpassung an einen wachsenden und sich ständig verändernden Wissensbestand. Dies gilt nicht nur für die qualifizierten sondern auch für die einfachen Berufe.
Reform der Hauptschule: Die Reform der Hauptschule ist ein entscheidender Schlüssel zum Abbau der Ungelerntenquote in Deutschland. Ohne ein Bildungskonzept, das an dieser Stelle das Bildungsniveau der Schüler wesentlich anhebt und für eine stärkere Bildungs- und Ausbildungsmotivation sorgt, dürfte der Erfolg vieler anderer Maßnahmen ausbleiben.
Internationaler Vergleich: Bis in die achtziger Jahre ist man davon ausgegangen, mit dem dualen System in Deutschland die beste Berufsausbildung der Welt anbieten zu können. Die internationalen Vergleiche zeigten allerdings, dass der Anteil Geringqualifizierter in anderen Ländern niedriger liegt und vor allem in den letzten 10 Jahren schneller zurückging. Insbesondere die skandinavischen Länder, die Schweiz, aber auch die USA konnten die Bildungsquoten der jungen Generation zum Teil deutlich anheben.
Schweizer Vorbild: Die Erfahrungen, die in der Schweiz mit der sog. Anlehre gemacht wurden, zeigen einen auch für das deutsche Duale System gangbaren Weg. Während die traditionelle Berufsausbildung in der Schweiz im Rahmen einer Berufslehre in drei bis vier Jahren vermittelt wird, gibt es für eher praktisch Begabte die Möglichkeit einer 2jährigen Anlehre, die große Integrationserfolge aufweisen kann.
Die Problemkinder bedürfen immer einer besonderen Fürsorge. Dies umso mehr als sich statistische Hinweise ergeben, dass die Arbeitsplätze für einfache Tätigkeiten in erheblichem Umfang durch Arbeitskräfte mit dualer Ausbildung besetzt sind. Etwa 1 Million Beschäftigte mit beruflicher Ausbildung führen lediglich Hilfs- oder einfache Fachtätigkeiten in zum Teil berufsfremden Bereichen aus. Deutschland leistet sich damit neben der Vernichtung von Humankapital durch Arbeitslosigkeit auch eine gewaltige Fehlallokation in der Ausbildung junger Menschen. Eine erfolgreiche Strategie zur Absenkung des Anteils der Ungelernten muss daher für eine tätigkeitsgerechte Ausbildung sorgen. Dies stellt langfristig auch die bessere Alternative dar: Sie eröffnet einem größeren Teil der Jugendlichen die Perspektive auf eine verbesserte wirtschaftliche Partizipation und gleichzeitig reduziert sie das Risiko der Gesellschaft, für ihre Existenzsicherung in Anspruch genommen zu werden.
Ansprechpartner:
Kurt Vogler-Ludwig
Geschäftsführung Economix Research & Consulting
Kolosseumstraße 1
80469 München
Email: vogler-ludwig@economix.org
Tel.: 089/ 87 57 90 22
Download der Kurzfassung im PDF-Format (57,6 KB)
Download der Studie im PDF-Format (1,33 MB)
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