Pressemitteilung 15.07.2009 – Frei für 17.07.2009

 

English Version

 

 

Szenarien für den europäischen Finanzsektor

Strategien für die Personalentwicklung nach der Krise

 

Die Europäische Kommission hat Economix Research & Consulting (München) beauftragt, langfristige Szenarien für den Fachkräftebedarf im europäischen Finanzsektor zu entwickeln. Angesichts der aktuellen Finanzkrise sollten alternative Entwicklungspfade bis 2020 identifiziert und Konsequenzen für die Personal- und Bildungspolitik in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union gezogen werden.

 

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Danielle Kaisergruber Research & Consulting (Paris) und einem Team europäischer Experten erarbeitet. Sie ist Teil einer groß angelegten Untersuchung des zukünftigen Qualifikationsbedarfs in der Europäischen Union, die von der Generaldirektion Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit initiiert wurde.

 

Der Bericht ist in englischer Sprache auf der Web-Seite von Economix verfügbar (www.economix.org). Hier eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse:

 

Ausgangslage

Das Scheitern der Kapitalmarktliberalisierung wird in diesen Tagen großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten offensichtlich. Die Märkte waren nicht in der Lage, sich selbst zu korrigieren – außer durch eine schwere Krise – und dies ist der Punkt an dem wir heute angelangt sind. Der Finanzsektor selbst war außer Stande ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen und die Risiken des Marktes korrekt einzuschätzen. Dies lag in erster Linie in der Verantwortung von Management und staatlicher Regulierung.

 

Es hing aber auch von den Qualifikationen und Kompetenzen der Belegschaften ab, die ein tiefes Verständnis der Finanzmärkte und ihrer Risiken benötigen. Dies ist der Punkt an diem die künftige Aus- und Weiterbildungspolitik ansetzen muss. Auch wenn die Qualifikation der Beschäftigten im Finanzsektor weit über den Standards anderer Wirtschaftszweige liegt, hat dies die Branche nicht davor bewahrt, die aktuelle weltweite Wirtschaftskrise auszulösen, die im Begriff ist, sich zur tiefsten Depression seit Jahrzehnten zu entwickeln.

 

Szenarien bis 2020

Die Szenarien für den europäischen Finanzsektor nehmen die strategischen Antworten auf die Herausforderungen der Finanzkrise zum Ausgangspunkt. Drei Alternativen wurden entwickelt:

·            Szenario 1 – mit dem Titel „Nachhaltiges Finanzwesen“ – nimmt an, dass der Sektor ein völlig neues Geschäftsmodell entwickeln wird, das auf langfristigen Investitionsentscheidungen, Konsumentenvertrauen und hochwertigen Beratungsdienstleistungen beruht. Dies löst einen Kulturschock in der Branche aus, da es die Abkehr von den Gewinnzielen, Standardprodukten und Kontrollmechanismen der Vergangenheit zu Gunsten einer nachhaltigen Geschäftsentwicklung bedeutet.

·            Szenario 2 – mit dem Titel „Laissez-faire“ – zieht weniger radikale Schlussfolgerungen aus der Krise und nimmt an, dass sich die kurzfristige Gewinnorientierung der Vergangenheit fortsetzen wird. Die öffentliche Kontrolle wird – auch wegen der Schwierigkeiten auf internationaler Ebene – schwach bleiben. Die Standardisierung der Finanzprodukte wird vorangetrieben. Unternehmenszusammenschlüsse werden zunehmen. Die Instabilität der Finanzmärkte wird aber nicht beseitigt.

·            Szenario 3 – mit dem Titel „Staatseigentum“ – geht davon aus, dass weder die Regierungen noch die großen Unternehmen der Finanzbranche in der Lage sein werden, die Finanzkrise unter Kontrolle zu halten. Die finanziellen und wirtschaftlichen Turbulenzen werden sich zu einer zerstörerischen Welle aufbauen und für lange Zeit einen signifikanten Rückgang der Geschäftstätigkeit bewirken. Dies wird die Finanzdienste in eine administrative Rolle zwingen.

 

Konsequenzen für die Personalentwicklung

Alle Szenarien werden – zumindest auf die kürzere Frist – erhebliche Beschäftigungsverluste in den Finanzdiensten der Europäischen Union nach sich ziehen. Die spätere Erholung hängt von der Wahl der strategischen Antwort ab. Im Szenario „Nachhaltiges Finanzwesen“ steigt die Beschäftigung kontinuierlich mit dem Ausbau der Beratungs- und Serviceleistungen. Im „Laissez-faire“-Szenario wird insbesondere die Investment-Branche zu einem Auf und Ab in der Beschäftigung führen. Im staatlich geführten Finanzwesen bleibt die Beschäftigung hingegen für lange Zeit auf einem niedrigen Niveau.

 

Die Szenarien erwarten gemeinsam einen weiter steigenden Qualifikationsbedarf, der allerdings in sehr unterschiedliche Richtungen geht:

·            Szenario 1 geht von einem neuen Typ von Banker aus, der langfristig statt kurzfristig agiert, der das Vertrauen der Kunden als seine Basis betrachtet und daher eine nachhaltige Geschäftsentwicklung anstrebt. Dies setzt eine grundsätzliche Neuorientierung der Personalentwicklung voraus.

·            In Szenario 2 setzen sich die Tendenzen der Vergangenheit fort, indem kurzfristige Renditeziele, Flexibilität und Marktorientierung die Leitlinien der Personalentwicklung vorgeben. Die Backoffice-Funktionen verschwinden weitgehend in hoch standardisierten Serviceeinrichtungen.

·            In Szenario 3 ist die Personalpolitik sicherheits- und kostenorientiert. Sie verlangt weniger nach Marktorientierung als nach guter Verwaltungspraxis.

 

Empfehlungen

Da die Entstehung der Finanzkrise stark mit der Kompetenzbasis zusammenhängt, empfiehlt die Studie der Beschäftigungspolitik, Ausbildung und Innovationen in den Fokus zu rücken. Aus der umfassenden Liste von Empfehlungen ergeben sich zwei Prioritäten:

·            Die Ausbildung sollte die Funktionsweise von Kapitalmärkten in den Vordergrund rücken, die nachhaltige Kundenbetreuung, das Controlling und die Risikoeinschätzung. Die Regierungen sollten die Initiative ergreifen, solche Schwerpunkte für die Ausbildung im Finanzwesen zu setzen.

·            Da die Instrumente der Risikoanalyse im Hinblick auf die langfristigen Risiken versagt haben, sollten F&E-Programme zur Verbesserung der Risikoabschätzung aufgelegt werden. Das Controlling sollte zu einem strategischen Instrument weiterentwickelt werden.

 

Das Humankapital ist der Schlüssel zur Umstrukturierung des Sektors, und öffentliche Institutionen können den Druck auf den Finanzsektor erhöhen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Bildung und Ausbildung sind ein Mittel, um auf diesem Weg Fortschritte zu erzielen.

 

Economix Research & Consulting

ist ein privates Forschungsinstitut in München, das auf Fragen der Beschäftigungs- und Bildungspolitik spezialisiert ist. Im Auftrag der Europäischen Kommission, der Bundes- und Landesministerien sowie anderer öffentlicher Auftraggeber werden Expertisen erstellt und politische Empfehlungen erarbeitet. Das Institut ist ein europäisches Forschungsnetzwerk eingebunden. Kurt Vogler-Ludwig – der Direktor von Economix – ist Berater der EU-Kommission. 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.economix.org

 

Kontakt

Kurt Vogler-Ludwig, Economix Research & Consulting, Lindwurmstraße 9, 80337 München

Tel: +49-89-8757-9022

E-Mail:  vogler-ludwig@economix.org

 

 

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Scenarios for financial services in the European Union

Study on human resource strategies for the post-crisis decade

 

 

The European Commission assigned Economix Research & Consulting (Munich) to develop long-term scenarios for the skill needs of the European financial sector. Facing the current financial crisis, the study was designed to identify different development paths until 2020 and to draw conclusions for human resource policies in the Member States.

 

The study was undertaken in cooperation with Danielle Kaisergruber Research & Consulting (Paris) and a team of European experts. It is part of a comprehensive analysis of future skill needs in the European Union launched by the Directorate General for Employment, Social Affairs and Equal Opportunities.

 

The report is available in English on the Economix website (www.economix.org). Here is the résumé of the study:

 

Current state

The failure of capital market liberalisation is starting to become apparent in these days of great trouble. Markets were unable to correct themselves without a severe crisis – and this is the point we are at now. The financial sector was unable to establish a sustainable business model and assess the risks correctly. This is the responsibility of management and public regulation.

 

However, it also depends on the skills and competences of the workforce which needs a sound understanding the financial markets and its risks. This is the starting point of future training policies. Even if the financial services make up a high-skill sector well above the standards of other industries, this did not prevent the business from triggering the current world financial crisis – which seems to be heading towards the worst economic depression for decades.

 

Scenarios until 2020

The scenarios for the European financial services sector take the strategic responses to the challenges of the financial crisis as their starting point. Three alternatives have been developed:

·            Scenario 1 – called “sustainable finance” – assumes that the sector will develop a completely new business model, based on long-term investment strategies, consumer trust and high-quality consulting services. This exerts a cultural shock to the business, as it means the reversal of profit targets, standardisation, and controlling instruments in favour of sustainability.

·            Scenario 2 – called “laissez-faire” – draws less radical conclusions from the crisis, assuming the continuation of short-term profit orientation from the past. Public control will remain weak, also due to impediments at the international level. Standardisation of financial products will be fostered. Mergers & acquisitions will revive. The instability of financial markets will not be removed.

·            Scenario 3 – called “state ownership” – assumes that neither government nor the big players in the financial business will be able to keep control of the current crisis. Financial and economic turmoil will accumulate into a wave of destructive power. This will result in a significant reduction of economic activities for a long period, and force the financial services into an administrative role.

 

Conclusions for human resource development

All scenarios are expected to cause strong employment losses in the financial sector of the European Union – at least in the near future. Later recovery depends on the strategic choices made. In the “sustainable finance” scenario the number of jobs will increase due to the extension of consulting and business services. In the “laissez-faire” scenario the investment branch in particular will cause ups and downs of employment. In a publicly regulated financial sector finally employment will remain at a low level for a long time.

 

In common, the scenarios expect the continuous upgrading of skills – however with different types of specialisation:

·            Scenario 1 assumes a new type of banker who acts with a long-term rather than short-term perspective, regards consumer trust as the basis and thus aims at sustainable business relations. This requires a new orientation of human resource development in principle.

·            In scenario 2, the trends of the past will be continued using short-term profit targets, flexibility and market orientation as guidelines of human resource policies. Back-office functions will largely be transferred to highly standardised service providers.

·            In scenario 3, human resource policies will be security and cost oriented. They will demand for sound administrative practices rather than market orientation.

 

Recommendations

As the emergence of the financial crisis is strongly routed in competence profiles, the study recommends employment-related policies to address the need for adequate training and increased R&D investments in the financial sector. Among the comprehensive list of suggestions, two priorities emerge in this context:

·         Training policies should be reoriented towards the principles of capital markets, decent client consultation, controlling and risk assessment. Governments should take initiatives to implement such new types of training in the financial sector.

·         As the tools of risk assessment failed to indicate long-term risks, R&D programmes should be launched to improve these instruments. Controlling principles should be reappraised in order to develop strategic controlling.

 

Human capital appears to be the key to restructuring, and public institutions can raise the pressure on the financial sector to develop a sustainable business model. Education and training is one approach to proceed along this route.

 

Economix Research & Consulting

Is a private research institute based in Munich (Germany). It is specialised on labour market and training issues. Analytical reports and policy recommendations are developed on behalf of the European Commission, Federal and Länder ministries and other public institutions. The institute is part of a European research network. Kurt Vogler-Ludwig – the director of Economix – is consultant for the European Commission.

 

Additional information can be found at www.economix.org

 

 

Contact

Kurt Vogler-Ludwig, Economix Research & Consulting, Lindwurmstraße 9, 80337 München, Germany

Tel: +49-89-8757-9022

E-Mail:  vogler-ludwig@economix.org

 

 

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